Sei mal einfach genug!

Ich frage mich ja häufiger, wann es „genug“ ist und damit bin ich offenbar nicht alleine.
Wann habe und bin ich genug …  Geld? … Liebe? … Nähe? …Abstand? Genug Selbst-Optimierung? Genug ICH in meinem Leben?
Doch diese Fragestellung endet nicht bei mir, sondern bezieht sich oft auch auf die Welt. Wann haben wir genug?
In den letzten Wochen bin ich (wieder mal) immer häufiger mit dieser Frage konfrontiert worden und mit dem Gedanken: „Lass gut sein oder sei gut/ zufrieden mit dem was ist“.
Das ist gar nicht so leicht und ich habe noch immer keine schlaue Antwort für mich gefunden, aber die Gedankenwindung möchte ich gerne mit dir teilen.

Teil 1 – Kirche, Glaube und was gut genug ist!

Keine Angst, ich werde hier keine Glaubensfrage stellen. Die Kirche war nur der Ort, der die obigen Fragen mal wieder wachgerüttelt hat. Ich mag die Atmosphäre im Dom, die Rituale der katholischen Kirche, die Gebete, das Singen und ich bin tatsächlich oft sehr inspiriert, von den Gedankenanstößen der Predigten, die ich höre! Aber immer schön kritisch bleiben, lautet dabei stets die Devise. 🙂
Meist stimme ich dem Priester zu oder bin gänzlich anderer Meinung – diesmal war ich verwirrt und irgendwie meinungslos – was das Dilemma mit „gut genug“ sehr deutlich macht!

Was Jesus kann, kann ich schon lange?!

Sicherlich hast du, ob bibelfest, gläubig oder nicht, schon von der Geschichte gehört, in der Jesus über’s Wasser geht (Matthäus 14, 22-33). Genau diese Bibelstelle war Basis der Predigt, die mich bis heute beschäftigt. In der Erzählung läuft Jesus über’s Wasser, zum Boot seiner Jünger. Petrus versucht es ihm gleich zu tun, bekommt dann aber Angst und beginnt zu sinken, woraufhin Jesus ihn ermahnt zu wenig Vertrauen zu haben und zu zweifeln.

Ich hörte das und erwartete fast automatisch, eine entsprechende Predigt zu hören. Eine, die an meinen Glauben appelliert. Das scheint in dem Moment logisch und so typisch Kirche, doch die Geschichte nahm eine völlig andere Wendung!
Der Priester stellte nicht heraus, wie man mit dem „Glauben“ Berge versetzen kann (oder eben über’s Wasser geht), sondern begann den Wunsch von Petrus in Frage zu stellen!!!!

Super – du kannst über Wasser gehen – NA UND? Wozu der ganze Schmu?

Weshalb wollte Petrus über das Wasser gehen? Was musste er sich und anderen beweisen? Was nutzte ihm die Fähigkeit über’s Wasser zu gehen und warum sind wir heute oft nicht zufrieden damit, einfach nur Teil einer Gruppe zu sein, in der wir sicher, geborgen und aufgehoben sind?
Warum wollen wir ständig ausbrechen? Mehr? Speziell sein? Außergewöhnlich?
Und warum sind wir laufend auf der Suche nach Wundern und der Vollziehung selbiger?! Wen juck’s ob ich über Wasser gehen kann, oder nicht?

Es geht immer noch besser …

… richtig! Wir sind schnell, können fliegen und uns Träume erfüllen, wie selten Menschen in der Geschichte vor uns. Aber reichen tut das irgendwie immer noch nicht. Wir sind auf der Jagd. Nach mehr Glücksgefühlen, nach mehr Erfolg, mehr Liebe, mehr Anerkennung, mehr Achtung und gleichzeitig nach mehr Ruhe, mehr Zufriedenheit, mehr SEIN … wir sind Paradox und genau so ging es mir nach der Predigt.

Ich war sauer! Wie kann dieser Priester tatsächlich an meine (unsere?) Genügsamkeit appellieren? Wo wir doch diesen Drang nach Wachstum und „MEHR“ benötigen, um Neues zu erfinden, für Weiterentwicklung und für eine „bessere Welt“.

Sei happy mit Mittelmaß … bitte was?

Im ersten Moment verstand ich das Gesagte so, also wolle der Priester mir mitteilen: „Schuster bleib bei deinen Leisten, überlasse anderen die Wunder und bleib du mal schön im Boot mit den genügsamen Bewunderern, die zwar niemals am Drücker sitzen, aber zufrieden sind in der Mittelmäßigkeit.

Nicht mit mir – dachte ich! Ich bin speziell, originell und einzigartig. Ein WUNDER eben. Pahh! … und plötzlich durchfuhr es mich … dieses Gefühl, wie anstrengend das ist. Ständig eins drauf setzen zu wollen, ständig meinem eigenen Glauben und meinen Ansprüchen über das Maß genügen zu wollen und anderen Ähnliches abzuverlangen.

Eine Messlatte anzusetzen, die sich mit jeder Streckung weiter nach oben verschiebt. Ein andauernder Wettkampf mit mir, meinem Umfeld und der Welt.

Es ist gut sich zu strecken, aber …

Dabei glaube ich noch immer, dass es gesund ist, über sich hinauswachsen zu wollen und sich in seinem Leben auch etwas „strecken“ zu müssen. Das macht ja auch Spaß, doch wo setze ich einen gesunden Stop, um mir zu genügen? Damit mir die Welt genügt – und andere?
Das ist die Kunst beim Streben nach mehr! Zu wissen wann es gut ist und damit tatsächlich zufrieden zu sein.

Teil 2 – Die nächste Begegnung mit „gut genug“

Wie schon erwähnt, blieb die Predigt nicht der einzige Impuls in diese Richtung. Ich hatte diese Botschaft gerade annähernd verdaut und fast vergessen, als ich mich in einer Körpertherapie-Sitzung wiederfand, in der mir genau diese Botschaft wieder um die Ohren flog: „Sei doch mal ok mit ok“.

Da saß ich nun und ein Fremder traf genau den Nerv meiner Überlegungen der letzten Tage – also musste ich wohl doch nochmal an das Thema ran. Ich bin es übrigens noch immer, denn es tut sich tatsächlich eine Kluft auf zwischen dem Wissen, dass es mir wirklich sehr gut geht und dass es eben immer noch besser geht.

Oft kann ich meine Zufriedenheit in ein Glücksgefühl verpacken und in den meisten Bereichen meines Lebens drückt sich das in tiefer Zufriedenheit aus und dennoch erwischt mich das „höher-schneller-weiter“ Syndrom häufiger als ich möchte – dieses Teufelszeug! So das ich mich selbst behindere und mich um schöne Momente, Anfänge, Begegnungen und Erfahrungen bringe, weil ich sie zu früh als ungenügend abtue.

Ich könnte also häufiger glücklicher sein, wenn ich besser mit OK wäre … erkennst du mein Dilemma? Selbst das „Ok-finden“ will ich optimieren 😉

Was ist jetzt eigentlich dieses OK?

Wenn dich jemand fragt wie dein Essen war und du sagst „ok“ dann ist das heute fast schon eine Beleidigung für das Essen (oder den entsprechenden Koch). Fast wie das Pendant „NETT“, um menschliche Begegnungen zu beschreiben.
Nett ist der kleine Bruder von Arschloch und OK ist eben auch scheiße.
Dabei heißt OK im Ursprung „alles in Ordnung / alles korrekt“ und ist damit eigentlich der Inbegriff von der Mitte, nach der ich krampfhaft suche.
Nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern GENAU RICHTIG!

Sei ok mit ok

Hat mich also direkt getroffen. Ich gebe es zu – ich bin süchtig nach Höhenflügen. Die fühlen sich lebendig an. Sogar Abstürze, die häufig auf die Flüge folgen, fühlen sich oft „besser“ (da lebendiger) an als das Ok-Dahingeplätscher. Bei „Alles in Ordnung“ gibt es keine Geschichten, keine Spannung, kein erleben kein Lernen, kein Wachstum … irgendwie ist OK eine gefühlte Nulllinie und ich habe keine Ahnung wie ich das ändern soll (kann, muss, werde????).

Und jetzt? Was tun? Keine Ahnung!

Wer sagt denn, dass man, nur weil man einen Gedanken ausspricht, auch eine Lösung parat haben muss. Ich habe keine Antwort darauf wie ich den Spagat zwischen gesunder Genügsamkeit und gesundem Streben schaffe und GUT werden mit OK. Vielleicht hast du ja einen Tipp für mich.

Mein Trick, den ich versuche mir anzugewöhnen ist offener zu sein, weniger zu erwarten, mehr zu machen ohne BEWERTUNG … denn wenn ich aufhöre in OK, drunter oder drüber zu denken, dann bleibt am Ende nur eins: DAS WAS IST. Vielleicht ist das der Trick. Einige Tricks zum Thema „gut genug“ habe ich (mir) ja hier schon auch schon gegeben.

Am Ende lege ich den Gedanken ab und versuche einfach gnädig mit mir zu sein – es ist wie es ist, ich muss nicht speziell sein und ich muss nicht über’s Wasser gehen, aber etwas Stretching zwischendurch ist gut für die Haltung.

Erlebe dir die Welt, denn sie ist …. mehr als ok? 😉

PS.: Das mit Jesus und dem Wasser … das war wohl ein ganz leicht zu erklärendes Ding … er ging auf einer Eisscholle … so wird zumindest behauptet … hier.

Was sagst Du?