Tinder und das langsame Finden von Liebe

… Noch immer scheint es irgendwie TABU zu sein! Alle Singles (und andere) sind dort und keiner gibt’s zu! Als ob man sich damit als „unansehnlicher Restefraß“ outen würde?!

(Spätestens) Nach dem Besuch der Hochschule sinken die Möglichkeiten neue Menschen kennenzulernen rapide – that’s a fact.
Ja mein Gott, wir leben im digitalen Zeitalter, wir müssen nicht so tun, als hätten wir uns auf der Straße beim Überqueren des Zebrastreifens getroffen … denn da hat ER sicher gerade auf sein Smartphone gestarrt … und ich zugegebenermaßen auch. Also „was soll’s?“

Tinder ist (uns Nutzern) peinlich, aber warum eigentlich?

Ist es uns peinlich, weil wir damit zugeben, dass wir doch nicht alles alleine machen (wollen) und uns nach einem Gegenüber sehnen – für was auch immer!
Oder ist es uns peinlich zuzugeben, dass wir Körbe lieber im Stillen einfahren, wo es keiner sieht?
Oder ist es peinlich zuzugeben, dass wir nach optischen Reizen entscheiden (– weil das ja so eine neue Erfindung von Tinder ist!)
Tinder ist auch peinlich, weil es wohl noch immer als „Börse für schnellen Sex“ gilt und auch wenn wir genau das wollen, gilt man als oberflächlich und triebgesteuert, wenn man das zugeben würde. Das ist ein bisschen wie in den Puff gehen, nur für umme – würde auch keiner zugeben.

Dieses Image macht Tinder peinlich und verwirrend zugleich, denn man meldet sich schon mit einer Ausrede an. Der Klassiker: „Ich will nur mal schauen/ bin neugierig“.
Und auf die Frage „Was suchst du hier?“ die dummerweise auch immer kommt – fehlen dann Antworten! Alle Reden so nen Stuss wie „ich suche nichts- ich lass mich überraschen“
In einem Club konnte man noch sagen: Ich bin zum Trinken da oder zum Tanzen und das war ein Türöffner für „was trinkst du“ oder „welche Musik hörst du“ oder Banalitäten, die über einen Smalltalk locker und unverfänglich zu einem Kennenlernen führen.

Tinder ist nicht unverfänglich – nie!

… Eigentlich weiß jeder für sich ganz genau, was er/sie da sucht – egal ob es ne schnelle Nummer ist oder die große Liebe, doch beides darf man nicht sagen.
Gehört man zur Fraktion „ich will Sex“ wird das Gegenüber skeptisch … gehört man zum „großen Liebe“- Lager … Guess what?! Das Gegenüber wird skeptisch! Alles dazwischen ist auch irgendwie komisch!
Welche Musik hörst du? Ist aber zu LANGWEILIG … also darf man auch das nicht fragen.
Respekt an alle, die sich das geben und nicht verzweifeln.

Egal ob Mann oder Frau … Erstmal ist da Skepsis, denn eigentlich sind ja nur Deppen auf Tinder, man selbst ist die Ausnahme und sicherlich sind die Bilder des anderen falsch, das Geschriebene auch und überhaupt …

Man muss schnell sein, ins kalte Wasser springen und bereit sein, den Teil des Nachrichtenschreibens möglichst erst gar nicht zu nutzen, denn sonst läuft es entweder super beschissen oder vieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeel zu gut.
Bei „beschissen“ kommt es nie zum Realitätscheck, im Fall von „es läuft super“ kann der Realitätscheck eigentlich nur zum Fiasko werden, denn die Wahrscheinlichkeit dem Kopfkino eines Fremden zu entsprechen ist geringe als ein 6er im Lotto.

Wir zäumen „Beziehung“ von hinten auf.

Mann spricht über Sex und wildeste Fantasien – mit einer Fremden. Oder möchte das gerne. Ich will das nicht und bremse diese Art der Unterhaltung aus.
Vor allem, weil ich tatsächlich plane mich mit dem Mann zu treffen (zumindest tat ich es eben noch) und mir vorzustellen, dass wir über das Wetter sprechen und uns neutral begegnen können, wenn ich ein Bild seiner Genitalien auf meinem Smartphone abrufen kann, fällt mir schwer.
Findet ihr es denn gar nicht komisch, dass jemand, dem ihr bei der ersten realen Begegnung lieber gleich sagen wollt, „das wird nix“ weiß, auf was ihr im Bett steht?
Also ich möchte mir diese Freiheit des „schmerzlosen Gehens“ bis zum ersten realen Treffen sichern.
Meist werden meine Bedenken aber mit einem saloppen Spruch rund um das Urteil „prüde“ und einem „entmatchen“ geahndet. Soll heißen: Ich bin raus. Gefeuert. Verbannt. Abgestempelt – in Sekunden.

Mir ist das zu schnell! Und trotzdem spiele ich mit!

Ich bin gewöhnlich schnell. Im Laufen, Reden, Tippen, ich bin schnell im Denken und auch dabei Sachverhalte zu erfassen, aber zum Fühlen brauche ich Zeit und die bekomme ich nicht.
Nehmen tu’ ich sie mir auch nicht. Auch außerhalb von Tinder oft nicht … also was tun?

Ich spiele also mit!
Ich versuche es zuerst mit „Ehrlichkeit“ … doch ich merke schnell, dass ich eine bessere Strategie brauche, um überhaupt ein Zeitfenster von meinem Gegenüber zu erhalten.
Nicht zu viel sagen, offen bleiben, geheimnisvoll. Alle Möglichkeiten ein- und gleichzeitig ausschließen. Bilder schicken … egal wie viele Bilder schon auf dem Profil sind … Du musst Bilder schicken!!!!
Möglichst in allen Posen, Lebenslagen aber bitte ohne Duckface – seltsamerweise will das kein Mann, aber alle Frauen haben Duckface Bilder? (Logik ist nichts für Tinder!)
Also gibt’s auch ein Duckface Foto, welches natürlich mit einer gehörigen Portion an benötigtem Sarkasmus mitgeschickt wird.
Sarkasmus und Ironie sind sowieso die meistgewünschten und vertretenen Charakterzüge auf Tinder. Genau an der Stelle, wo man diesen am wenigsten verstehen kann, weil man dazu sein Gegenüber kennen müsste! Also weiß man am Ende gar nichts. Meist nicht mal den richtigen Namen des anderen.

Was bleibt?

Am Ende fühle ich mich ungewollt, hässlich, prüde und dumm.
PEINLICH wäre mir lieber an dieser Stelle. Ich melde mich ab, suche eine Woche nach Alternativen, lasse mein Handy beim Einkaufen zu Hause und versuche es ganz altmodisch mit Blickkontakt … klappt! Nur dann fehlt ein zwinkender Emoticon, der zwischen uns in die Luft gesetzt werden könnte, um ein Gespräch zu beginnen …

Ich trott(l)e also nach Hause und öffne Tinder … Klingt traurig?
Ist es gar nicht, denn es hat auch etwas Gutes.

Die Ode an die Liebe(n) in meinem Leben

Ich bemerke, wie schwierig es ist, trotz der vermeintlichen Fülle und Wahlmöglichkeiten jemanden zu finden der wirklich „matched“ und ich bin nicht bereit aufzugeben Liebe zu finden, mein Herz aufzumachen und jemanden einzulassen und offenbar geht es vielen so!
Gleichzeitig erfüllt mich das mit tiefer Dankbarkeit für jeden einzelnen Menschen in meinem Leben, mit dem ich selbiges teile und dabei einfach nur ich sein darf – auch wenn das nicht immer einfach ist.

Dankbarkeit und ein tiefes Liebesgefühl für die, denen ich ganz unbedacht eine Nachricht senden kann, wann immer ich will, mit jeglichem Inhalt ohne vorher lang darüber zu philosophieren ob es zu viel oder zu wenig sagt oder taktisch klug ist …
Ich werde demütig und dankbar, weil es besonders ist so mit anderen in Verbindung zu sein und das lässt sich manchmal ganz leicht vergessen – eine Erinnerung schade also kein bisschen.

Vielleicht bleibe ich Single – wer weiß das schon, aber alleine bin und fühle ich mich nicht.
In einer Welt in der wir so viel machen, tun und haben können, werden solche Anker wichtiger und Tinder zeigt mir das auf Beziehungsebene ganz deutlich.

Weniger ist oftmals mehr und sich in Zufriedenheit zu üben, war/ist für mich nicht die schlechteste Lektion.

Erinnerung an mich:

Halte deine Liebsten fest – sie sind besonders.
Schenke Menschen Zeit – denn du könntest etwas entdecken.
Vertraue auf dein Gefühl und nimm dir dafür Zeit.
Lass dich nicht blenden von Überfluss … am Ende hast du nur zwei Hände, zwei Füße, ein Leben und begrenzt Zeit zum Befüllen … Irgendwann wird es nicht mehr besser durch Mehr oder das Austauschen, sondern durch Zuwendung und Hingabe.

Erlebe die Welt, denn sie liebt dich  – auch wenn es Tinder vielleicht nicht tut 🙂

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